Josienne Clarke – Far from Nowhere

Text: | Ressort: Musik | 14. November 2025

Manchmal entdeckt man mit der Liebe zu einer Platte ein umfangreiches Gesamtwerk, das aus unerfindlichen Gründen bislang vollkommen an einem vorbeigegangen ist. Seit 2010 veröffentlicht die schottische Folk-Musikerin Josienne Clarke kontinuierlich Alben. Von ihrem Solodebüt, über die Arbeit mit Ben Walker als Folk-Duo, bis hin zu den jüngsten Eigenveröffentlichungen kommt sie auf rund zwanzig Releases in den vergangenen 15 Jahren. Die Perfektion ihrer Profession und die Sicherheit darin hört man auf »Far from Nowhere«. Aber ihre jüngste Veröffentlichung ist alles andere als auf Nummer sicher produziert. Obwohl sie schon seit langer Zeit Musik macht, gibt sie sich einer Verletzlichkeit hin, zog sich zurück in eine Waldhütte auf der Isle of Blute und lies die Dinge geschehen. »Far from Nowhere« ist eine Momentaufnahme, perfekt in seiner Unperfektion. Die Dielen knarzen und quietschen, man hört das Streichen der Finger auf den Nylonseiten. Bei den Aufnahmen kam Clarke eine Bronchitis dazwischen. All das ist Teil dieser Aufnahme, auch weil sie Wert auf Vintage-Equipment legte, alte Mikrophone der BBC aus den 1960er-Jahren benutzte, aufgenommen mit einer Bandmaschine. Das Ergebnis ist ruhig, fast schmerzhaft intim. Meist ist ihre Falsettstime allein mit der Gitarre zu hören, hier und da mit einem zurückgenommenen Schlagzeug oder einem Drum-Computer, den ihr Mitstreiter Murray Collier bedient. Clarkes Gesang ist immer wieder von Vogelstimmen inspiriert, wird eins mit der Natur um sie herum und harmoniert, hin und wieder im Aufnahmeprozess gedoppelt, mit der Akustikgitarre und E-Gitarrenloops. Die Nachtstimmung ist ihre Stimmung. In den 13 Stücken hört man förmlich den Nebel über dem schottischen Moor aufsteigen. Es passt zur Grundstimmung, denn die ist Melancholisch. »Far from Nowhere« ist ein Album, das aus Trotz heraus entstanden ist. Josienne Clarke verzweifelt an der Gesamtsituation der Welt, der Lage der Musikindustrie im Besonderen. Der Rückzug, die Konzentration auf das Wesentliche, war der einzige Ausweg. Das Resultat dieser Katharsis ist berührend, wunderschön und schenkt Hoffnung in der dunkelsten Stunde der Nacht. (Corduroy Punk Records)

josienneclarke.bandcamp.com/album/far-from-nowhere

-->

Die Kommentarfunktion ist abgeschaltet.