Die Wurzeln der Gewalt

Text: | Ressort: Film | 5. Januar 2026
Omar (Motaz Malhees) mit einem Foto von Hind Rajab

„Die Stimme von Hind Rajab“ von Kaouther Ben Hania

In der aktuellen Debatte um die Rolle Israels im Nahost-Konflikt erscheinen einige preisgekrönte, zutiefst erschütternde Filme, die das Leid der Palästinenser*innen durch ihre Augen und mit ihren Worten nachfühlbar machen. Regisseurin Cherien Dabis erzählt in „Im Schatten des Orangenbaums“ über ein halbes Jahrhundert hinweg bewegend vom Schicksal der palästinensischen Bevölkerung und den Wurzeln der daraus resultierenden Gewalt. In dem oscarprämierten Dokumentarfilm „No Other Land“ zeichnet ein junger Netzaktivist die Vertreibung der Siedler im Gaza-Streifen auf. Diese Filme zeigen das Leiden konsequent aus der subjektiven Sicht der Betroffenen und klammern die politische Ebene ebenso aus wie den Terror der Hamas.

Diesen Vorwurf kann und wird man auch der palästinensischen Regisseurin Kaouther Ben Hania machen. „Die Stimme von Hind Rajab“ schildert den Überlebenskampf eines sechsjährigen Mädchens, das in einem Fahrzeug inmitten des Kriegsgebiets eingeschlossen ist, umgeben von den Leichen ihrer Familie. Hinds Stimme, ihre Angst und zunehmende Verzweiflung sind echt. Eingebettet wird das Originaldokument von einer Reinszenierung der Rettungsaktion in der Einsatzzentrale der Hilfsorganisation Palästinensischer Roter Halbmond. Am anderen Ende der Leitung muss Omar (Motaz Malhees) miterleben, wie Hinds Cousine erschossen wird. Fortan setzen er und die anderen Mitarbeiter*innen alles daran, das kleine Mädchen zu retten. Doch dem Leiter der Einsatzstelle, Mahdi (Amer Hlehel), sind die Hände gebunden. Ohne einen sicheren Korridor kann er keinen Rettungswagen rausschicken, sonst würde er das Leben der Sanitäter riskieren. Ohne die Empathie der politischen Strippenzieher wird der Weg von gerade mal acht Minuten zu einer unüberwindbaren Distanz.

Die Stimme von Hind Rajab wurde bereits kurz nach den Ereignissen durch die sozialen Netzwerke zum Sinnbild des Kriegs im Westjordanland. Kaouther Ben Hania lässt wie bei ihrem oscarnominierten Drama „Olfas Töchter“ die Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm verschwimmen und erzielt damit äußerste Wirkung. Die Stimme des kleinen Mädchens begleitet einen noch lange nach dem Abspann. Die Spannung und Hilflosigkeit in der Einsatzzentrale ist greifbar. Das liegt nicht zuletzt an einer geschickten Inszenierung und einem exzellenten Ensemble, dass den Vorbildern nicht nur verblüffend ähnelt, sondern die ausweglose Situation realistisch schildert.

Bereits kurz vor seiner Premiere beim Filmfestival in Venedig setzte sich mit Alfonso Cuarón, Jonathan Glazer, Brad Pitt, Rooney Mara und Joaquin Phoenix große Hollywood-Prominenz als ausführende Produzenten für die Distribution des Films ein. Beim Festival gewann er schließlich den Großen Preis der Jury – nicht etwa, weil er palästinensische Propaganda betreibt, wie ihm vereinzelt vorgeworfen wurde, sondern weil er sich durch das Leid, das er schildert, konsequent für ein Ende des sinnlosen Blutvergießens einsetzt.


„Die Stimme von Hind Rajab“
F/TUN/USA/GB/SA/CYP 2025
R: Kaouther Ben Hania
D: Saja Kilani, Motaz Malhees, Clara Khoury
90 Min., Start: 22.1.

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