Die perfekte Balance – Desertfest Berlin vom 23. bis 25. Mai 2025: Eigentlich alles, was man sich so wünscht
Text: Redaktion | Ressort: Musik, Veranstaltungen | 30. März 2025
Open Air Bühne
Es ist wieder angerichtet. Erfreulicherweise zum einen und zum anderen in einer Art und Weise, die eigentlich keine Wünsche mehr offen lässt – bei mir zumindest. Vom 23. bis 25. Mai geht’s mal wieder nach Berlin, ins Columbia nach Kreuzberg: Drei Tage Desertfest bitten zum Tanz, zum Groove, zum Kopfschütteln und Arschwackeln.
Wie gesagt: Wünsche bleiben kaum offen. Bei mir. Weil halt alles stimmt bei dieser Sache: Mit der Columbia-Halle und dem Columbia-Theater nebst dazugehörigen Freiluft-Infrastruktur hat man einen Platz gefunden, der sich schon messen kann mit dem Astra-Gelände. „Ein Zuhause, um es mal trivial zu sagen. Weil es genauso anfühlt vor diesen beiden Bühnen und dazwischen. Im Grün vom Biergarten neben dem Theater, auf dem Freigelände mit musikalischer Bespaßung in der Mitte oder beim Merch auf der anderen Seite. Schöne Sache. Da freu ich mich drauf.“ Hatte ich schon vor der letzten Auflage geschrieben. Und ich werde einen Teufel tun, daran auch nur einen Buchstaben zu ändern. Weil es halt stimmt.

Biergarten
Was den Flashback bringt zu 2024. Zu einem aufregenden Wochenende und dies in mehrfacher Hinsicht. Aufregend zunächst, weil das erste Signal ein – nun ja – seltsames war. Da gab’s doch den ein oder anderen, der so gar keinen Bock mehr hatte auf diesen Berlin-Trip. Und nein, da ging es vordergründig nicht mal um das Reißen im Rücken (das nun einmal immer präsenter wird mit den Jahren), sondern eher um die mangelnde Lust auf das musikalische Angebot – was mich ja immer irgendwie überrascht. Andererseits interessieren mich die ganz großen Namen auf den Festival-Plakaten ohnehin weniger, deshalb bin ich wohl nicht unbedingt der Maßstab. Das zweite Signal war nicht minder seltsam: Was, die Empore bleibt zu in der Columbia-Halle? Womit schon irgendwie alles gesagt war: Ausgesprochen gut lief er nicht, der Desertfest-Vorverkauf und ja, der Eindruck blieb hängen, dass da ein paar 100 Leute gefehlt haben.
Ich musste dabei und gerade jetzt danach über etwas nachdenken, was so ziemlich genau vor zehn Jahren über die Bühne ging. Dieser – nun ja, eigentlich war es keiner, weil der andere nicht reagierte – Schlagabtausch zwischen Gene Simmons (ja, der von Kiss) und Danko Jones. Über den Rock, den der eine als tot bezeichnete, wogegen der andere lautstark protestierte. Allerdings wurde man – auch im Austausch und in der Beobachtung – das Gefühl nicht los, der Kiss-Musiker könnte die Argumente auf seiner Seite haben (auch wenn sein Abbiegen in Richtung kommerzieller Punkte in der Tat zweifelhaft war). Die Fragen sind klar: Kommt da noch etwas – nach uns? In Sachen interessiertes Publikum zum Beispiel? Oder noch wichtiger – bedeutet Rock heute noch irgendetwas?
Andererseits – mit diesem Problem hat sich ja die gesamte Popkultur herumzuschlagen. Die taugt für alles mögliche, aber eine über den Aspekt „Hey, lass uns mal eine gute Zeit haben!“ hinausweisende Relevanz finden sich kaum noch Anhaltspunkte. Siehe die Wahl von Donald Trump, gegen die auch eine gut geballte Popkultur-Macht nix ausrichten konnte. Und die Zeiten, in denen die Hörgewohnheiten noch ein Ausdruck einer gewissen Lebenshaltung waren, sind – zumindest aus meiner Sicht – lange vorbei. Wer’s nicht glaubt, sollte vielleicht doch mal nach Wacken fahren – und dort live erleben, wie aus der Realität eines Lebensstils und/oder -gefühls die Inszenierung eines Lebenstils und/oder -gefühls geworden ist. Klingt jetzt definitiv böser, als es gemeint: Daraus ergeben sich ja auch Chancen. Chancen, einmal auszubrechen aus den Schubladen, Konventionen und Definitionen.

Zerre
Womit ich dann wieder beim Desertfest 2024 wäre: Weil es diese Möglichkeiten und Chancen geradezu beim Schopf gegriffen hat. Und zum Beispiel einer Band wie Zerre – als lupenreine Thrash-Metal-Formation – die Option eröffnete, im Columbia-Theater mal eben einen astreinen Abriss hinzulegen. Boah, was der Saal für einen Schwall an glücklichen Gesichtern ausspuckte! Oder Indian Nightmare unter freiem Himmel die Gelegenheit gab, eine Old-School-Metal-Inszenierung zwischen tiefer Ernsthaftigkeit und gnadenloser Ironie-Brechung abzuliefern. Was für ein Spaß! Da war die tiefgehende Frage von Daevar, wie man sich hinter dem Wort „unpolitisch“ verstecken kann, wenn die Freiheiten auf dem Spiel stehen, die ausnahmslos jedem Menschen ein Event wie das Desertfest erleben lassen (was dann wiederum einen Link in Richtung Relevanz von Rock Im Besonderen und Popkultur im Allgemeinen aufmacht – was mal ein gesondertes Thema wäre).

Dÿse
Herrje, ich komme schon wieder ins Sabbern – da waren so viele wunderbare Momente. André und Jari von DŸSE, die ihr Versprechen, den Laden jetzt aber mal ordentlich mit Krach und Humor aufzumischen, aber so etwas von wahr machten.

Amenra
Amenra mit der intensiven Inszenierung von Dunkelheit, die man theoretisch natürlich bestens kennt, aber live dann doch immer wieder markerschütternd funktioniert. Tamikrest! Yeah! Und die Osees, die mich echt gekriegt haben. Boah, was für ein Festival …

Tamikrest

Osees

The Hellacopters

Dinosaur Jr.
Und es kann auch 2025 eigentlich nix schiefgehen. Keine Chance. Dafür fühlt sich die Sache im Vorfeld schon viel zu richtig an. Wobei ich mir schon überlegt hatte: Das wird spannend. Mit diesem Line-up zwischen tiefster Old-School-Andockung, zeitloser Rock-Haftigkeit und einem Lock-Faktor, der über die Kreise der üblichen Verdächtigen hinausgeht – finde ich zumindest, wenn ich mir Namen wie Hellacopters, Dinosaur Jr. und Elder anschaue (um mal nur bei denen zu bleiben, die in groß ganz oben stehen). Vielleicht, ganz vielleicht ist sie ja wieder offen, die Empore … was wirklich cool wäre: Denn das Desertfest ist eines jener Festivals, das noch eine Botschaft sendet. Die Botschaft, dass man nicht nur einfach ohne großes Nachdenken alles bucht, was zum einen gerade unterwegs ist oder Zeit hat und was andererseits das Versprechen abgibt, den kleinsten denkbaren Nenner zwischen Publikumsgruppen abzugeben. Denn genau da läuft sie entlang, diese komplizierte Linie: Wann hört Vielschichtigkeit auf, interessant und horizonterweiternd zu sein? Und wo genau beginnt die völlige Beliebigkeit?

Elder
Das Verrückte: Vermutlich hat da jeder Mensch seine eigene Definition. Aber ich habe für mich beschlossen – so, wie es das Team von Sound Of Liberation und Greyzone gerade tun, ist es perfekt. Ich bin geradezu hibbelig, wenn ich mir anschaue, was da so alles geboten wird: Slomosa zum Beispiel, jene Band, der ich wirklich zutraue, einmal den Sprung zu schaffen in den breiten (Rock-)Kosmos. Einfach mit großartigen Songs und einer irren Performance. Und ich freu mich auf das eher Seltsame, auf Darsombra (die beim letzten Sehen echt Spaß gemacht haben) und auf Stinking Lizaveta. Auf den ganzen Kram, den noch nicht mal ich kenne wie Scott Hepple & The Sun Band. Oder Green Milk From The Planet Orange. Oder Skyjoggers. Na ja, der Plan ist wie immer klar: Es gilt, eine neue Lieblingsband mit nach Hause zu nehmen.

Slomosa

Darsombra
Stinking Lizaveta
Sonstige Acts 2025:
Freitag: 24/7 Diva Heaven
Eyehategod
Bismut
Dozer
The Devil & The Almighty Blues
Lowrider
My Sleeping Karma
Pallbearer
Temple Fang
Elephant Tree
Frankie & The Witch Fingers
Hippie Death Cult
Coogans Bluff
23.-25.05.2025
154,90 € Wochenendticket, 62,90 € Tagesticket, Sleepover pro Tag 15 €
Text: Jensor
alle Bilder: K. Nauber